{"id":5273,"date":"2022-07-03T19:57:20","date_gmt":"2022-07-03T17:57:20","guid":{"rendered":"http:\/\/horstth.de\/?p=5273"},"modified":"2022-11-17T07:43:37","modified_gmt":"2022-11-17T06:43:37","slug":"5273","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/horstth.de\/?p=5273","title":{"rendered":"Tod dem (Geigen-)Wolf"},"content":{"rendered":"<p>Beim St\u00f6bern im Netz sto\u00dfe ich auf das Stichwort \u00bbWolfston\u00ab. Das Thema gibt leider nichts her f\u00fcr physikalische (Hobby-)Experimente, dazu ben\u00f6tigt man professionelles Equipment. Ich finde es aber interessant. Also schaue ich nach, was die Literatur zum \u00bbWolf\u00ab zu sagen hat. Dabei ist einiges h\u00e4ngen geblieben, vielleicht ist es auch f\u00fcr Andere von Interesse.<\/p>\n<p>Ein \u00bbWolf\u00ab ist der jaulende, flatterhafte Ton, den eine Geige, ein Cello oder ein anderes Saiteninstrument beim Spielen einer bestimmten Note erzeugt. Er entsteht, so liest man, wenn der Korpus des Instruments in Resonanz mitschwingt und eine Schwebung mit dem gespielten Ton hervorruft. Der Resonanzk\u00f6rper ist f\u00fcr ein Saiteninstrument unerl\u00e4sslich: Eine gestrichene oder gezupfte Saite w\u00e4re ohne ihn nicht h\u00f6rbar. Mehr \u00fcber die Korpusresonanzen einer Geige <a href=\"http:\/\/theissenonline.de\/Physik\/Resonanzen einer Geige.pdf\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p>Eine Geige wird offenbar nur selten von einem Wolf befallen, bei einem Cello aber st\u00f6rt er. Man unterdr\u00fcckt ihn, indem man auf dem Teil der Saite zwischen Steg und Saitenhalter (der \u00bbNachl\u00e4nge\u00ab der Saite) eine kleine Zusatzmasse anbringt. Sie wiegt einige Gramm und besteht beispielsweise aus einem Metallr\u00f6hrchen, das innen mit einer Gummi-Manschette ausgekleidet ist und mit einer Schraube auf der Nachl\u00e4nge befestigt wird (Foto). Das winzige Gebilde hat den Namen \u00bbWolft\u00f6ter\u00ab, weniger gewaltt\u00e4tig klingt \u00bbWolfstimmer\u00ab.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/horstth.de\/?attachment_id=5274\" rel=\"attachment wp-att-5274\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5274\" style=\"border: 1px solid black;\" src=\"http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-300x254.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"254\" srcset=\"http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-300x254.jpg 300w, http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-1024x865.jpg 1024w, http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-768x649.jpg 768w, http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-1536x1298.jpg 1536w, http:\/\/horstth.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/CIMG5852_M-2048x1731.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Aus der Literatur entnehme ich, dass der Wolfstimmer im Prinzip ein raffiniert abgestimmter mechanischer Schwingungstilger ist (engl. \u00bbTuned Mass Damper\u00ab). Dieses rein theoretische Objekt hat mit dem Metallr\u00f6hrchen auf der Saiten-Nachl\u00e4nge zun\u00e4chst nichts zu tun. Ein mechanischer Schwingungstilger besteht aus zwei Massen, einer gr\u00f6\u00dferen und einer kleineren. Die gr\u00f6\u00dfere ist die der \u00bbStruktur\u00ab, deren Bewegung (\u00bbSchwingung\u00ab) ged\u00e4mpft werden soll. Die kleinere Masse ist der D\u00e4mpfer oder \u00bbTilger\u00ab. Struktur und Tilger sind durch eine Schraubenfeder elastisch gekoppelt und schwingen mit <em>fast<\/em> gleicher Frequenz. Parallel zur Schraubenfeder wirkt ein D\u00e4mpfungszylinder, dessen D\u00e4mpfungsgrad so eingestellt wird, dass die Schwingungsamplitude der Struktur stark vermindert wird: Ihre Resonanzkurve hat statt des \u00fcblichen Peaks ein flaches Dach niedriger H\u00f6he, oft mit einer kleinen Einsattelung. Der Zwei-Massen-Schwingungstilger ist ein interessantes Thema der Schwingungslehre. Ich habe ihn einmal Schritt f\u00fcr Schritt durchgerechnet. <a href=\"http:\/\/theissenonline.de\/Physik\/Zweimassen_Schwingungstilger.pdf\"> Hier<\/a> mehr dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Inwiefern das Prinzip des Schwingungstilgers bei einem Saiteninstrument zur Anwendung kommt, ist in einem Artikel von Gidion<sup>1<\/sup> erl\u00e4utert. Soweit ich diesen verstanden habe, verscheucht man den Wolf wie folgt: Man erzeugt beim Spielen des zum Wolf neigenden Tons eine weitere Schwingung, &nbsp;deren Frequenz nur wenige Hertz neben der Wolfsresonanz liegt (der Korpusresonanz, die beim Wolf mitschwingt). Dazu stimmt man die Nachl\u00e4nge der Saite, auf der sich der Wolfstimmer befindet, auf diese Frequenz ab. Bei einer Geige haben die zum Wolf tendierenden Resonanzen Frequenzen zwischen 450 und 550 Hz. Der Wolfstimmer ist in der Regel auf der Nachl\u00e4nge der G-Saite angebracht. Die Saite selbst schwingt mit der Grundfrequenz 196 Hz. Ihre Nachl\u00e4nge betr\u00e4gt etwa 1\/6 der Saitenl\u00e4nge und schwingt daher mit sechsfach h\u00f6herer Frequenz. Das sind 1176 Hz (und damit zwei Oktaven und eine Quinte h\u00f6her als 196 Hz, denn 196\u00d72<sup>2<\/sup>\u00d7(3\/2) Hz = 1176 Hz). Der Wolfstimmer senkt diese (Resonanz-)Frequenz betr\u00e4chtlich, so dass man so in den Bereich um 500 Hz gelangt. Mit etwas Gl\u00fcck trifft man die Frequenz, die den Wolf d\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr liefert Schleske<sup>2<\/sup>: Er regt die Korpusschwingungen einer Geige durch seitliches Klopfen gegen den Steg an, misst deren Intensit\u00e4t und zerlegt das registrierte Signal nach Fourier. Das Spektrum zeigt zwei Peaks bei etwa 430 und 510 Hz, einmal ohne, das andere Mal mit Wolfd\u00e4mpfer. (Die ebenfalls sichtbaren Resonanzen oberhalb 1000 Hz interessieren hier nicht.)&nbsp; Deutlich erkennbar ist: Der 510-Hz-Peak wird im Bereich seines Schwerpunkts durch den D\u00e4mpfer scharfkantig<sup>3<\/sup> \u00bbaufgeschlitzt\u00ab. Die Intensit\u00e4t geht an dieser Stelle um etwa zwei Zehnerpotenzen (\u201320 dB) zur\u00fcck. &nbsp;Die Absenkung der Resonanzfrequenz einer schwingenden Saite durch die fast punktf\u00f6rmige Masse des Wolfstimmers ist ein weiteres physikalisches Ph\u00e4nomen, mehr dar\u00fcber <a href=\"http:\/\/theissenonline.de\/Physik\/Schwingende Saite mit punktf\u00f6rmiger Masse.pdf\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"color: #42a0cf;\">Bemerkungen zum Foto: (1) Der Wolfstimmer auf der G-Saite meiner Geige ist eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig, er sitzt dort nur des Fotos wegen. (2) Erst vor kurzem ist mir aufgefallen: die Nachl\u00e4nge der Saiten ist k\u00fcrzer als normal. Ich habe das Instrument vor Jahren als leicht besch\u00e4digte, aber wieder instandgesetzte Geige gekauft. Bei der Reparatur wurde vermutlich der Saitenhalter einer Bratsche eingebaut.<\/span><\/p>\n<p><sup>&nbsp;<\/sup><sup>1<\/sup>&nbsp; Gidion, G.: Akustische Resonatoren zur Analyse und Kontrolle von Schwingungsf\u00e4higen Systemen am Beispiel von Streichinstrumenten und Dielektrischen Elastomeraktoren, <span style=\"color: #42a0cf;\"><u>https:\/\/publishup.uni-potsdam.de \u203a index \u203a index \u203a docId<br \/>\n<\/u><\/span><sup>2<\/sup>&nbsp; Schleske, M.: <em>Auf Wolftonjagd<\/em>, Auszug aus: <em>Handbuch Geigenakustik<\/em> der website <span style=\"color: #42a0cf;\"><u><\/u><u><a style=\"color: #42a0cf;\" href=\"http:\/\/www.schleske.de\">www.schleske.de<\/a><\/u><\/span> (2003)<br \/>\n<sup>3<\/sup>&nbsp; Die Kurve erinnert an den Frequenzgang eines Notch-Filters (Elektrotechnik).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">Beim St\u00f6bern im Netz sto\u00dfe ich auf das Stichwort \u00bbWolfston\u00ab. Das Thema gibt leider nichts her f\u00fcr physikalische (Hobby-)Experimente, dazu ben\u00f6tigt man professionelles Equipment. Ich finde es aber interessant. Also schaue ich nach, was die Literatur zum \u00bbWolf\u00ab zu sagen hat. Dabei ist einiges h\u00e4ngen geblieben, vielleicht ist es auch f\u00fcr Andere von Interesse. Ein \u00bbWolf\u00ab ist der jaulende, flatterhafte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"http:\/\/horstth.de\/?p=5273\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[5,13],"tags":[],"class_list":["post-5273","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-physik","category-verschiedenes"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5273","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5273"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5273\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5361,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5273\/revisions\/5361"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5273"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5273"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/horstth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}