Torneträsk 1958

Torneträsk_GouacheTuscheEs sind wieder Sommerferien. In meiner Jugend war das Wanderzeit. Als Pfadfinder streiften wir jeden Sommer mit Zelt, Kochgeschirr und dünnen Baumwolldecken (Isomatten und High-Tech-Schlafsäcke gab’s noch nicht) wandernd durchs Gelände: Eifel, Hunsrück, Spessart, Lüneburger Heide, Bayrischer Wald – bescheidene Ziele, alle in Deutschland. Dann, vor genau sechzig Jahren, unsere erste große Fahrt ins Ausland. Nach Finnland und in den Norden Schwedens. Eine kurze Notiz zum Jubiläum.

Mein Bild (Gouache/Tusche) entstand auch vor sechzig Jahren. Es zeigt den Torneträsk, einen Gebirgssee in Nordschweden, Endpunkt einer 6tägigen Wanderung, die Teil dieser Fahrt war. Der Berg links im Bild ist der Nuolja, ca. 1200 m hoch. Einige Fotos unserer Fahrt hier.

Es geht also im August 1958 nach Finnland und in den Norden Schwedens. Wir sind eine kleine Gruppe: 12 Schüler, 15 bis 18 Jahre alt. Unser Leiter hat gerade die 20 erreicht. Wir kennen uns gut und haben uns vorbereitet, beispielsweise geübt, wie man einen Kranken transportiert. Treffpunkt ist Hamburg, von dort fahren wir los: Mit der Bahn über Kiel nach Großenbrode, Fähre Gedser, Bahn bis Kopenhagen, Fähre Malmö und Bahn nach Stockholm. Kurzer Aufenthalt dort, wir gewöhnen uns an den (damals noch) Linksverkehr auf der Straße. Von Stockholm nachts die Fähre nach Turku und noch einmal Bahn bis Loimaa im Süden Finnlands. Finnische Pfadfinder vermitteln uns einen Zeltplatz auf einer Insel in einem See mit dem Namen Pyhäjärvi. Dort bleiben wir etwa eine Woche. Zum Einkaufen rudern wir zum nächsten Ort an Land, der heißt Säkylä. Sonntags morgens lauschen wir dem Pfarrer im Gottesdienst, verstehen aber kein Wort. Anschließend werden wir eingeladen: Junge Leute aus dem Ort, darunter auch Pfadfinder, wollen uns am nächsten Tag ihre Heimat zeigen. Marja, eine Studentin, spricht Deutsch und Englisch, sie übersetzt. Wir fahren in zwei VW-Bussen auf einen Hügel inmitten ausgedehnter Wälder. Von dort aus soll man am Horizont sieben Kirchtürme sehen. Ohne Fernglas ist das schwierig. Später werden wir zur Sauna eingeladen, einer Holzhütte am Ufer des Sees. An die Hitze haben wir uns schnell gewöhnt. Aber dann schlägt man auch noch mit frischen Birkenzweigen um sich. Das setzt die ätherischen Öle der Pflanze frei, beim Einatmen hat man das Gefühl zu ersticken. Nach der Sauna Abkühlung im See, zum Abschluss gibt’s starken Kaffee und Brot mit Wurst und Gurken. Finnische Gastfreundschaft. Von Säkylä fahren wir weiter Richtung Norden: über Oulu, Harparanda und Luleå zur Eisenerzstadt Kiruna. Wir kaufen Verpflegung ein für eine Woche und wandern von dort los in Richtung Torneträsk, einem See an der schwedischen Landesgrenze. Jeder trägt zusätzlich zu seiner eigenen Ausrüstung einen Teil der gemeinsamen Verpflegung. Das sind einige Kilogramm mehr als üblich. Nach einer Stunde wirft sich unser D. ins Gras und erklärt, er könne nicht mehr. Er bliebe jetzt liegen, wir sollten bitte ohne ihn weitergehen. Das lassen wir natürlich nicht zu. Trotz Karte und Kompass (GPS gab’s auch noch nicht) ist die Orientierung im Gelände nicht einfach. Wir gehen ja auch querfeldein – quer„fjäll”ein wäre genauer. Der weite Blick über das Fjäll ist großartig, aber ungewohnt. Es fehlen Anhaltspunkte, um Entfernungen zu schätzen. Beruhigend ist, dass wir abends hin und wieder in der Ferne Lichter sehen, Blockstationen oder Haltepunkte der Erzbahn nach Narvik. Sumpfgebiete und Flüsse sind ein Hindernis, den Rautasjoki (ein breiterer Fluss) hätten wir nicht durchwaten können. Zum Glück finden wir eine Brücke. Eine Plage sind die Mücken. Nur im Innern unseres Zeltes sind wir vor ihnen in Sicherheit. Wir kochen dort auf offenem Feuer, der Rauch vertreibt sie. Unser Zelt ist eine Kothe, hat oben eine Öffnung, durch die der Rauch abzieht. Frischluft wird von unten nachgeliefert, denn die Kothe hat keinen Boden. Man erstickt nicht, wird aber geräuchert. In Abisko am Torneträsk machen wir eine ausgedehnte Rast. Von dort bis zur Landesgrenze (Riksgränsen) nehmen wir noch einmal die Bahn, dann teilen wir uns. Fünf unserer Gruppe wandern, der Rest fährt mit der Bahn. Wir machen einen kleinen Abstecher nach Narvik in Norwegen. Dort treffen wir wieder zusammen. Im Nachhinein wissen wir: Narvik war keine gute Idee – die Schlacht um die Stadt im 2. Weltkrieg ist bei den Einwohnern noch in leidvoller Erinnerung. Nachts Andeutungen von Nordlicht. Von Narvik mit dem „Nordpfeil”  zurück nach Stockholm, Zwischenhalt in Uppsala. Kathedrale, Schloss, Universität und Bibliothek werden besichtigt. Zum Abschluss der Fahrt ein Tag in der schwedischen Hauptstadt. Beim Rundgang durch die Stadt werden wir als Nazis beschimpft (Verwechselt da jemand unsere Pfadfinderkluft mit der HJ-Uniform?). Mittagessen in einer Haushaltsschule. Die Chefin erkundigt sich fürsorglich, ob wir auch genug zu essen bekommen hätten. Hatten wir, und zwar reichlich. Dann die Rückfahrt: Wie auf dem Hinweg, mit der Bahn über Kopenhagen und Hamburg.